Allgemein · Sternchen

Wenn ein Sternenkind beerdigt wird

Es ist der erste Frühlingstag, die Sonne scheint und der Himmel strahlt, die Vögel singen und die Krokusse öffnen ihre zarten Blätter zum ersten Mal. Ein Eichhörnchen huscht schnell die alte Birke hinauf, als ein Trupp Menschen vorbei zieht. Sie gehen langsam und in kleinen Grüppchen. Vorne weg trägt ein Mann eine Urne, die Pastorin dahinter eine Kerze. Links und rechts säumen Grabsteine den Weg. Anfangs groß und imposant, später immer kleiner werdend, bis nur noch ein Feld von Kreuz an Kreuz vom Krieg erzählt. graveyard-1417871_1920

Am Ende des hellen Weges biegt die Gruppe in einen abgetrennten Bereich ab. In der Mitte stehen um ein Stein vielen kleine Dinge: Engelfiguren, Windlichter, Kuscheltiere und Windräder. Teils neu teils von Wind und Wetter gezeichnet.

Heute sind viele Eltern zusammen gekommen, um gemeinsam Abschied von einem kleinen Kindlein zu nehmen, dass nie so einen Frühlingstag wie heute erleben wird. Auch wir sind unter den Eltern. Auch unser Kind wird nie die Sonne sehen, nicht den Zitronenfalter über den Beeten oder die Amsel im Baum. Im Gegenzug werden wir nie unser Kind sehen. Nie erfahren, welche Farbe seine Augen hätten, nie sein Charakter kennen lernen, nie die kleine Hand tröstend halten. Wir trauern und beweinen unsere Babys, die nun Sternenkinder sind und sammel-bestattet werden.

Jede Familie bekommt Zeit, einzeln ans Grab zu treten und zum letzten Mal Abschied zu nehmen, Blumen zu streuen und kleine Erinnerungen abzulegen. Manche weinen laut, manche leise. Mal sind nur die Eltern gekommen, mal ganze Familien. Jeder trauert auf seine Art, keiner spricht, jeder ist ganz bei sich.

Vorher gab es einen Gottesdboy-366311_1280ienst, in dem Namen oder „Arbeitstitel“ verlesen wurden und für jedes Kindlein eine Kerze angezündet wurde. Wir haben gebetet und getrauert. Ein Raum voller Kummer aber auch Verständnis und Akzeptanz für diese. Hier wird der Verlust nicht klein gemacht, schön geredet oder übergangen. Hier versteht jeder die Trauer des anderen, ohne Worte zu wechseln. Und gleichzeitg hat keiner Platz für die Trauer der anderen. Jeder sitzt in seinem Boot, auf einem gemeinsamen See. Und das ist ganz okay so.

Nach und nach löst sich die Trauergemeinde auf. Die kleinen Grüppchen verteilen sich in den Frühling und die Eichhörnchen schauen, was sich verändert hat.

Ich bin froh, dass es hier eine Bestattung für Sternenkinder gibt, dass sie zählen und ernst genommen werden. Ich hoffe sehr, dass auch andere Städte dieses Geschenk machen und trauernde Eltern davon erfahren und darüber informiert werden. Unsere Gesellschaft hat sonst viel zu wenig Raum für diesen besonderen Verlust.

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Ein Kommentar zu „Wenn ein Sternenkind beerdigt wird

  1. Es gibt Euch einen Platz zum trauern. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig das ist. Genauso wichtig, wie die Erfahrung, dass Ihr in Eurem Verlust nicht alleine bleibt. Ich drück dich (wenn ich darf).

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